Gertraud Klemm: Aberland
Von diesem Roman kann man sich bespuckt fühlen wie von den Essensresten eines Kleinkindes. Gertraud Klemm kämpft in „Aberland“ für gelebte Gleichberechtigung“, schreibt Carola Eberling in der Zeit. Hier ihre Buchbesprechnung:
Mama Drama und die Kinder
Gertraud Klemm ist eine wütende Autorin. Und sie schreibt wütende Texte. Das hat nicht zuletzt der Auftritt der 1971 geborenen Österreicherin beim Klagenfurter Bachmannpreis gezeigt, wo sie im vergangenen Jahr das erste Kapitel ihres soeben erschienen Romans Aberland vortrug. Klemm gewann mit ihrem Text den Publikumspreis. Die meisten Mitglieder der Jury hingegen reagierten mit Abwehr auf diese atemlose Beschreibung einer Muttertagsszenerie.
Die 35-jährige Franziska, eine der beiden Protagonistinnen des Romans, wird am Muttertag nach Kräften hofiert. Heute soll sie mal nichts tun, heute gibt es das Muttertagsmenü beim Chinesen: „(…) als sie in das dunstige Lokal eintreten, sieht sie gleich in den Gesichtern der anderen Frauen, dass sie alle in gleicher Weise über diesen Tag gebeugt werden“. Beim Essen mit Mann Thomas, Sohn Manuel und ihren Eltern kreisen Franziskas Gedanken um die Ungerechtigkeiten bei der Kinderbetreuung, bei der Hausarbeit; um den ungleichen Verzicht auf berufliche Möglichkeiten, auf Lebensgestaltung überhaupt; und um Thomas’ Wunsch nach einem zweiten Kind angesichts all dessen.
Auch die zurückliegende Überforderung mit einem „Schreibaby“ kommt noch einmal hoch, genauso wie die Enteignung des eigenen Körpers: „(…) es ist schon lange nicht mehr ihr Körper, es ist jedermanns Luststätte, Labstelle, Raststätte, Brutraum (…)“.
Die Sätze erstrecken sich über Seiten, eher: Sie werden über Seiten getrieben. Eine „wütende Suada“ nannte Hubert Winkels Klemms Text in Klagenfurt. Suada klingt toll und meint doch nur Rede- oder Wortschwall. Unter Literatur jedenfalls stellte sich der Schriftsteller und Juryvorsitzende Burkhard Spinnen etwas anderes vor und bekannte eine „schwere Antihaltung zum Text“, der ihn an „Frauenzeitschriften-Aufschrei-Befreiungsprosa“ erinnerte. Was da geschildert werde, sei doch alles „ganz normal“. Juri Steiner sah das ähnlich, er fühlte sich als Mann – und Vater, der er eben so ist wie Spinnen – „bespuckt“: von dem Text, nicht, wie dessen Protagonistin, von Essensresten und Gesabber eines Kleinkindes. Einzig Daniela Strigl erkennt einen „radikalen“ Text, „schwarze Literatur, die wir hier nicht weißfärben wollen“.
Rückkehr in alte Rollen
Alles ganz normal, dem würde die Autorin zustimmen, aber meinen würde sie etwas anderes. Gertraud Klemm geht es um die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Normalität nach wie vor befördern – aller Rede von Fortschritten in der Gleichberechtigung zum Trotz. Kommen Kinder ins Spiel, finden sich auch jene Paare in tradierten Geschlechterrollen wieder, die dies nie vorhatten. Das ist bekannt. Das ist auch Statistik. Kann man daraus Literatur machen? Gertraud Klemm kann es.
Mit Franziska hat sie eine Frauenfigur geschaffen, der genau diese Rückkehr in alte Rollen widerfährt: Zwischen erstem und anvisiertem zweiten Kind überkommen sie Zweifel an einem Zustand, den sie so nicht gewollt hat. Auch wenn es „seit Manuels drittem Geburtstag besser (ist), (…) das Leben vor ihr lag sonderbar brach, die beruflichen Ziele, das Private, die Beziehung zu Thomas, als wäre das Leben nicht gewachsen, sondern beschnitten, gefällt (…)“.
Klemm entscheidet sich zwar gegen die Ich-Perspektive, schlüpft aber quasi in Franziskas Haut. So kommen den Lesenden ihre oft getriebenen Gedanken, die rasch wechselnden Empfindungen sehr nah. Ebenso ihre genauen Beobachtungen innerhalb ihrer Beziehung zu ihrem Mann Thomas, zu ihrem Sohn oder in Bezug auf die abstrakteren gesellschaftlichen Wirkmechanismen, die zu dem beitragen, was man gemeinhin eine intakte, normale Familie nennt – deren Funktionieren aber auf Franziskas Kosten geht. Und sie ist sich sehr im Klaren darüber, dass es auch ihre Entscheidung war, Thomas nach Manuels Geburt das Geld verdienen zu lassen. Erstmal.
Kinder, sagt Stefanie Lohaus, eine der Redakteurinnen des feministischen Missy Magazins, sind der „Gleichberechtigungskiller schlechthin“ und führte, selbst Mutter geworden, in ihrer Serie Das Prinzip 50/50auf ZEIT ONLINE aus, wie mühsam es ist, dieses zu leben. So spektakulär ist der Ansatz, die Zeit für Arbeit, Kinder, Haushalt gerecht zu verteilen, dass Eltern, die es versuchen, selbst darüber schreiben oder mediale Aufmerksamkeit ernten. Auch die Journalistin Susanne Bruha und ihr Freund Michael Bohmeyer berichteten über ihr 50/50-Modell in einem Blog sowie in einem Buch zum Thema.
Man erfährt von den Irritationen, ja Anfeindungen von außen: Auch die gut ausgebildeten, um die dreißigjährigen Frauen erkennen ganz genau die Rabenmutter in ihrer Geschlechtsgenossin, steigt diese aus den tradierten (Familien)Mustern aus – um für sich zu beanspruchen, was für Väter selbstverständlich ist: beruflich am Ball zu bleiben, Lebenszeit für die Entfaltung jener Persönlichkeit zu haben, die sie jenseits der Elternrolle auch noch ausmacht.
Gertraud Klemm versteht sich als feministische Autorin, für die das (als banal) Abgewehrte literaturwürdig ist; und die Literatur ist ihr ein Mittel der Kritik. Dass die Kritik weiterhin angebracht ist, zeigt die Realität. Klemm sieht sich hier in einer Linie mit Schriftstellerinnen wie Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek.
In ihre Kritik bezieht Klemm die Frauen mit ein. Das erste Kapitel aus Aberland steckt zentrale Motive und Linien des Romans ab. Im weiteren Verlauf nimmt die Selbstbefragung Franziskas immer mehr Raum ein.
Warum ist sie als studierte Biologin mit der Dissertation der Arbeitssuche ausgewichen? Und warum hat sie auch die Dissertation sofort auf Eis gelegt, als der Sohn zur Welt kam? Wie kamen welche Entscheidungen zustande? Die Vorzüge der „Komfortzone“ haben auch bei ihr gefruchtet. Bascha Mika beschreibt es in ihrem streitbaren Buch Die Feigheit der Frauen: Schön kuschelig irgendwie – aber wer ist man, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder wenn die Ehe scheitert? Anhand der zweiten Protagonistin, Franziskas Mutter Elisabeth, Ende 50, spielt Klemm das durch.
Mädchen werden und Mutter werden
Die Kapitel aus ihrer und Franziskas Sicht wechseln sich ab. Auch Elisabeth ist eine genaue Beobachterin, doch führen ihre Selbstreflexionen, ihre Zweifel und ihre Traurigkeit, die Klemm aus der Ich-Perspektive beschreibt, kaum zu Selbsterkenntnissen.
Der Verlag ahnt die Hürden der Thematik und baut vor: „Wahnsinnig komisch“ sei das Buch – das ist wahnsinnig übertrieben. Kleine grimmige, beißende Worthiebe gibt es, etwa wenn Franziska sich über ihren Sohn ärgert, der „noch Nananen sagt, obwohl er längst Bananen sagen kann, sogar die Kinder sind schon nostalgisch in ihre kleine blöde Vergangenheit verliebt (…)“. Und immer wieder ihre trockene Selbstironie. Die geht Elisabeth ab, die sich letztlich still abgefunden hat. „Ob wir alle nicht zu schnell geheiratet haben, weiß ich nicht, hätte es besser sein können? Man hat eben, (…).“
Klemm, selbst Mutter zweier Adoptivkinder, arbeitet ihre Sätze sprachlich sehr genau aus; sie ist eine tolle Beobachterin, ihre Präzision trifft die wunden Punkte. Auch jene vieler Frauen, deren Lebensentwürfe sie kritisch ausleuchtet. Bei ihrem Romandebüt Herzmilch, sagte Klemm in einem Interview, erlebte sie häufig eine Abwehr bei Leserinnen, weil diese sich angegriffen fühlten. Herzmilch erzählt eine moderne weibliche Entwicklungsgeschichte, erzählt vom Mädchen-, Frau- und Mutterwerden und hört in gewisser Weise dort auf, wo Aberland einsetzt.
Bei Gertraud Klemm werden beide Geschlechter konfrontiert, ihre Denk- und Handlungsweisen infrage gestellt. Es ist ihr ernst mit der Unhaltbarkeit der Zustände.

