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An diesem Fluss will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist derselbe über den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin, ein freundlicher Fährmann hat mich damals geführt, zu ihm will ich gehen, von seiner Hütte aus führte mich einst mein Weg in ein neues Leben, das nun alt geworden und tot ist – möge auch mein jetziger Weg, mein jetziges Leben dort seinen Ausgang nehmen!

[…]

Freundlich lebte er nebe Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewege.

„Hast du“, so fragte er ihn einst, „hast du auch vom Flusse jenes Geheime gelernt: daß es keine Zeit gibt?“

Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Lächeln.

„Ja, Siddhartha“, sprach er. „Es ist doch dieses, was du meinst: daß der Fluß überall zugleich ist, am Usprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall zugleich, und daß es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?“

„Dies ist es“, sagte Siddhartha. „Und als ich es gelernt hatte, da sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluß,

und es war der Knabe Siddhartha nur durch Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr zu Brahma keine Zukunft.

Nichts war, nichts wird sein;

alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart.“

„Siddharta. Eine indische Dichtung“ von Hermann Hesse
Erstausgabe 1922

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